Die Angst vor den anderen

- Sich verstecken und anpassen: "Ich hab gelebt wie hinter einer Maske."
Sie fürchtet sich, wenn ihr jemand auf der Straße entgegenkommt. In der U-Bahn setzt ihr Herzschlag aus und wenn sie auf der Arbeit mit Kunden redet, bekommt sie starken Reizhusten. Seit über 30 Jahren hat Gabi* diese Probleme und kann sie sich nicht erklären.
Bis sie eines Tages im Fernsehen einen Bericht über soziale Angst sieht. “Das war das erste Mal, dass ich von sozialer Phobie gehört habe und ich wusste sofort: das ist die Macke, die du die ganze Zeit mit dir rumträgst. Endlich hat das Kind einen Namen bekommen.”

Soziale Phobie – die Angst vor den anderen. Etwa vier Millionen Deutsche leiden an dieser psychischen Störung, die ihnen den Kontakt zu anderen Menschen nahezu unmöglich macht. Neue Untersuchungen sprechen sogar von acht Millionen Betroffenen.
Der Psychiater und Sozialphobie-Experte Dr. Andreas Ströhle sagt: “Nur ein ganz, ganz kleiner Teil der Menschen, die unter einer sozialen Phobie leiden, wissen, dass das eine Krankheit ist, die behandelt werden kann. Viele denken, dass sie einfach ein bisschen unsicherer und ängstlicher sind als andere.”
Nach außen nett und freundlich, innen unter Hochspannung
Sozialphobie
Symptome: Erröten, Zittern, Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Verkrampfung, Sprechhemmung, Schwindelgefühle, Kopf- und Magenschmerzen, Panikgefühle
Verbreitung: etwa 5% der Bevölkerung, nach neuen Untersuchungen sogar 10 %
Ursachen: soziale Interaktion nicht erlernt, starker Vertrauensmissbrauch (bspw. verlassen worden zu sein), genetische Veranlagung
Therapie: Psychotherapie/ kognitive Verhaltenstherapie, Medikamentöse Therapie mit Antidepressiva (SSRI)
Gabis Schwierigkeiten im Umgang mit anderen fangen in der Schule an. Sie ist unsicher, findet keinen Anschluss, zieht sich zurück. “Ich hab einfach nicht gewusst, wie ich mich verhalten soll. Ich hätte ganz gerne Freunde gehabt. Aber ich hab` nicht verstanden, wie das richtig funktioniert.”
Jede soziale Interaktion bedeutet Stress. Gabi reißt sich permanent zusammen, muss die Situationen beherrschen. Sie steht innerlich unter enormer Anspannung, nach außen zeigt sie sich nett und gelassen. Die anderen dürfen ja nichts merken. “Ich habe mein Leben im Prinzip gespielt. Gelebt, wie hinter einer Maske. Es war nie so, dass ich entspannt mit jemandem geredet habe, den ich mag. Ich war irgendwie immer dabei, mich zu beobachten. Keine Fehler zu machen.”
Der blockierte Weg
Die panische Angst, aufzufallen, Fehler zu begehen, lenkt das Leben von Menschen mit sozialer Angst. Sie trauen sich nur wenig zu, nehmen sich aus Angst stark zurück und blockieren damit ihre Entwicklung.
Gabi verzichtet freiwillig auf das Abitur und ein Studium, obwohl sie sehr gut in der Schule ist. Allein die Vorstellung, mehr in den Vordergrund treten zu müssen, Referate zu halten, zum Studium die Stadt zu wechseln, vielleicht mal Menschen anleiten zu müssen, lässt sie innerlich verkrampfen. “Die ganze Entwicklung ist irgendwie gehemmt, wenn man nicht richtig mit Menschen umgehen kann. Ich hätte gerne das Abi gemacht. Aber ich konnte nicht. Im Nachhinein tut mir das sehr leid.”
Zusammen und doch allein
Menschen mit sozialer Angst ziehen sich oft stark von der Gemeinschaft zurück, so dass sie völlig isoliert leben. Dr. Ströhle sagt: “Sie leiden darunter. Sie haben das Gefühl, dass ihnen da was entgeht.”

Außer ihren Eltern und einer Freundin, die sie nur am Wochenende sieht, hat Gabi kaum Bekannte. Wenn sie von den Nachbarn oder den Arbeitskollegen eingeladen wird, sagt sie lieber ab.
Mit Anfang 20 lernt sie Andreas kennen, eigentlich nur eine flüchtige Urlaubsbekanntschaft. Bei ihm verliert Gabi plötzlich die Anspannung und Angst, die sie sonst immer hatte. Andreas ist groß und kräftig, ein Ruderer, hinter dem sich Gabi verstecken kann. “Ich hab mir den passenden Partner zu meiner Macke gesucht.”
Die beiden heiraten und bekommen zwei Söhne. Doch die Ehe scheitert. Gabi klammert sich an die Beziehung und gibt sich die Schuld an den Problemen. “Ich hab gedacht, ich bin unzulänglich. Statt dass ich mal bei ihm sehe, dass er mal wieder mit einer Urlaubsbekanntschaft ins Bett gegangen ist.”
Scheidung, alleine mit zwei Kindern, halbtags der Job im Blumenladen – auf einmal kommt alles zusammen. Gabi kann plötzlich nicht mehr in den U-Bahnhof runtergehen, fürchtet sich vor den Leuten. Das Verkaufen im Laden fällt ihr immer schwerer. Sie hat Herzaussetzer und Schwindel, nach drei Stunden im Laden muss sie nach Hause.
Das Kind bekommt einen Namen
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Als Gabi den Bericht über soziale Ängste im Fernsehen sieht, ist sie bereits Ende 30. “Für mich war es sehr wichtig, endlich zu wissen, was ich da habe. Dass das auch einne Krankheit ist, habe ich in dem Moment akzeptiert. Ich habe mich in den Jahren ja auch nicht gesund gefühlt.”
Gabi ist seit drei Jahren in Behandlung. In vielen Einzelgesprächen hat sie ihre Ängste zum größten Teil abgebaut. “Erstmal war es eine Überwindung da hinzugehen und der Therapeutin alles zu erzählen. Aber ich habe mir gesagt, ich muss und will jetzt was verändern. Ich will die Welt um mich herum wieder vergrößern.”
Der Traum: selbstbewusst wie ein Marktschreier
Mittlerweile geht Gabi selbstbewusster und sicherer durch die Straßen. Manchmal hat sie noch dieses unangenehme Gefühl, wenn ihr jemand auf der Straße entgegen kommt. Und auch in einer vollen U-Bahn wird es für sie schwierig. Aber die Angst vor einem Rückfall ist nicht mehr da. So bald wie möglich möchte sie eine Gruppentherapie mit anderen Sozialphobikern beginnen.
“Ich möchte Freunde haben, möchte weggehen und mit fremden Menschen sprechen. Ich möchte wie ein Marktschreier sein. Die find ich so toll, wie die da rumstehen und allen Leuten ihre Sachen andrehen. Selbstbewusst und offen.”
*Name von der Redaktion geändert
von Anne Klotz / veröffentlicht am: 22. May 2008
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