direkt zum Inhalt springen

ICH / DU // IHR /// .DE

Leben im Beziehungsnetz.

Von Schicksalsschlägen, Zwängen und
von denen, die keine Wahl haben

Süchtig nach dem nächsten Klick

Frau mit Laptop in einem Pulloverzelt
Sarah lebte zwei Jahre nur im Netz

Die Vierer-WG sitzt auf dem zerknautschten Ledersofa im Wohnzimmer. Im Fernsehen läuft ein Robbie-Williams-Konzert. “Erst haben wir uns über die kreischenden Mädels lustig gemacht”, erzählt Sarah Philipps*. Nach einigen Gläsern Rotwein kreischt die 24-Jährige selbst mit. Aus purer Neugier googelt sie Robbie Williams. Ein paar Klicks später landet sie in einem englischen Chatroom – nur für Robbie-Fans.

“Da hatten wir gerade unseren Internetanschluss neu bekommen”, erzählt Sarah. “Ich wusste gar nicht, wie das funktioniert und was ich da schreiben soll. Aber die Leute waren total nett. Wir haben uns über alles mögliche unterhalten.” – Aus der kurzen Google-Suche wurden fünf Stunden chatten.

Melancholie und Weltschmerz

typ_am_rechner.jpg“Wir hatten alle etwas gemeinsam: Menschen, die viel nachdenken und sehr melancholisch sein können”, sagt Sarah. In ihrer Beziehung kriselt es und sie gibt sich ganz dem Weltschmerz hin. “Ich hatte das Gefühl, dass meine kreative Seite total verkümmert. Und die oberflächlichen Smalltalks auf Parties haben mich nur noch genervt”, sagt sie. Dagegen bot der Chat sehr viel Raum für Phantasie - gerade weil im Chat die Teilnehmer unsichtbar bleiben. “Ich habe mir die Leute einfach zurechtbasteln können”, sagt Sarah.
Die Stunden im Chat empfindet sie als Meditation. Zusammen philosophieren die Chatter über Robbie aber auch über den Sinn des Lebens – nicht selten mit depressivem Grundtenor. “Es war wie lautes Denken, nur dass dann jemand auf der anderen Seite antwortet.” Im Chat kann sie den Alltag hinter sich lassen - vollkommen abgeschirmt von der Welt da draußen.

Den Alltag hinter sich lassen

dogs-and-computer268.jpgNach drei Monaten schirmt sich auch die Welt von Sarah ab. Ihr Freund macht Schluss. Ihre “realen” Freunde melden sich kaum noch. Ihre Stelle als Arzthelferin wird ihr gekündigt. “Meinen Eltern habe ich nichts gesagt. Ich habe mich geschämt.” Trotzdem kann sie mit dem Chatten nicht aufhören. Immer wieder versucht ihr Mitbewohner sie zu überreden, mal wieder raus zu gehen. Doch sie blockt ab. “Ich war schließlich fest verabredet mit meinen Chatfreunden.” Bis zu vierzehn Stunden täglich sitzt Sarah vor ihrem Laptop – meistens nachts. Sie ist inzwischen fest davon überzeugt, mit Robbie Williams persönlich zu chatten. “Ich dachte wirklich, er sei es und würde unter Pseudonym schreiben.”

Betreutes Wohnen

Fünf Monate später trifft Sarah im Chat einen Engländer. Sie verstehen sich auf Anhieb. “Der hat immer so ulkige Sachen geschrieben und konnte sich herrlich über Gott und die Welt aufregen”, erzählt sie. Eine Woche später sitzt sie im Flieger nach London. Auf dem Flughafen dann die böse Überraschung: Ihr neuer Freund ist in Begleitung seines Betreuers. Er lebt in einer WG für psychisch Kranke. Es ist zu spät, um umzubuchen. Außerdem hat Sarah kein Geld mehr. Zwei Wochen verbringt Sarah in der WG, und erträgt die Eifersuchtsattacken ihres Gastgebers. “Als ich mich mit seinem Freund unterhalten habe, hat er einfach die Wohnzimmertür zertreten. Der ist vollkommen ausgerastet”, erzählt sie. Trotzdem bleibt sie. “Ich hatte das Gefühl, ich kann ihm helfen – er war ja ein Freund von mir.”

Back to Reality

Nach ihrem Besuch in England überkommt Sarah ein ungutes Gefühl. “Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, wie bescheuert das ist, sich nur noch mit Phantasiefreunden zu beschäftigen. Ich hatte richtig Panik, da nicht mehr rauszukommen und bis an mein Lebensende vor dem Rechner zu versauern.” Als sie an ihrem Geburtstag ganz alleine da sitzt, zieht sie die Notbremse und löscht ihren Account. “Die ersten Tage waren hart. Denn ich wusste nichts mit mir anzufangen. Zum Glück hat mein Mitbewohner viel mit mir geredet und mir geholfen, einen neuen Job zu finden. Ohne ihn säße ich wahrscheinlich immer noch vor der Kiste.”

Doch sie will die Zeit im Web nicht vollkommen verteufeln: “Ich habe auch tolle Leute über das Netz kennen gelernt – meine beste Freundin zum Beispiel. Zuerst haben wir beide voneinander gedacht wir seien Männer. Wir haben wild geflirtet bis klar war, wer am anderen Ende sitzt. Zeitweise dachte sie auch, ich sei Robbie”, sagt Sarah. Seitdem treffen sie sich regelmäßig.

Zusammen mit der neuen Freundin hat Sarah den Sprung aus der Chatsucht geschafft. “Ich chatte nur noch ein bis zwei Mal pro Woche und dann auch nicht stundenlang”, sagt sie. “Das echte Leben ist schöner.” Sie zeigt auf ein Foto von ihrem neuen Freund – er ist blond und sieht Robbie gar nicht ähnlich.

*Name v. d. Redaktion geändert


von Katrin Hoffmann / veröffentlicht am: 22. May 2008