Zweite Chance im Second Life

- DJ Namav: Party im Second Life
DJ Namav tanzt wild auf der Tanzfläche. Über seinen ausgewaschenen Jeans trägt er ein knallbuntes, eng anliegendes T-Shirt mit Batik-Muster. Er hat glatte, schwarze Haare und einen Vollbart – wie sein Alter Ego, Nick Dupree. Im “echten” Leben sitzt Nick aus Mobile, Alabama im Rollstuhl. Er wird künstlich beatmet und kann sich nicht ohne fremde Hilfe bewegen. Einzige Ausnahme ist sein Daumen: damit tanzt sein Avatar Namav per Mausklick im Second Life.
Second Life
Second Life ist eine virtuelle Welt im Internet. Die Spielfiguren heißen Avatare und können frei gestaltet werden. Es gibt über 11 Millionen Nutzer weltweit. Bis zu 60.000 Personen sind rund um die Uhr eingeloggt. Second Life wurde von Linden Lab in San Francisco entwickelt und ist seit fünf Jahren online. Es gibt auch eine virtuelle Währung: den Linden-Dollar. 1 Linden-Dollar sind 64 Cent in Euro. An der virtuellen Börse LindeX werden täglich bis zu 80 Mio. Linden-Dollar umgesetzt (51,2 Mio. Euro).
Namav Abramovic legt jeden Sonntag seine Platten im “Wheelies” auf – dem ersten virtuellen Club für Menschen mit Behinderung. Neben ihm steht ein Kamel. Das Kamel ist Namavs ständiger Begleiter. “Es sammelt Spenden für mich”, erklärt mir Namav auf der Tanzfläche. Funktioniert das? “Ja, ziemlich gut sogar.”
Manche der Gäste im “Wheelies” sitzen im Rollstuhl. Andere lassen ihre Behinderung im Second Life hinter sich. “Es ist eine Frage des Selbstbilds”, sagt Simon Stevens, der den Club 2006 gegründet hat. Sein Avatar Simon Walsh war einer der ersten, die im Second Life im Rollstuhl auftauchten. “Ich hatte einfach keine Lust, jemand anderes als mich selbst zu repräsentieren. Ich habe Kinderlähmung - in beiden Welten.”
Neue Spielregeln im Second Life
Avatare im Rollstuhl? Simon hat ein Tabu in einer Welt gebrochen, in der viele möglichst “perfekt” sein wollen: schlank, sportlich, sexy.
Sein Avatar nimmt ein Stück Realität mit ins Netz - auch wenn Simon Walsh “immer noch jünger und sanfter ist als Simon Stevens. Mein Avatar hat auch keinen Speichelfluss und sabbert nicht…”
Im “Wheelies” gibt es täglich Parties, Diskussionen und Gespräche. Simon schätzt die Community auf 500 Mitglieder weltweit: “Es kommen ungefähr fünfzig Leute die Woche. Bei größeren Veranstaltungen ist hier alles voll!”
Second Life-Chat mit Simon Walsh und Namav Abramovic
[20:49] Tabiia: benutzt du immer einen rollstuhl
[20:49] Tabiia: im second life, simon?
[20:49] Simon: ja….
[20:50] Simon: außer wenn ich schwimme
[20:50] Simon: dann nehme ich schwimmärmel oder eine schwimmweste.
[20:49] Simon: namav, wie denkst du über rollstühle?
[20:49] Namav: ich nehme nur manchmal einen…
[20:51] Simon: das selbstbild ist entscheidend.
[20:52] Simon: ich habe ein selbstbild aus dem “echten” leben,
[20:52] Simon: dass ich auch im second life zeige.
[20:52] Tabiia: simon, ist second life ein “spiel”?
[20:52] Simon: nnneeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiinnnnnnnnnn
[20:52] Simon: SECOND LIFE IST KEIN SPIEL.
[20:53] Tabiia: kannst du second life für mich definieren?
[20:53] Simon: es ist ein “komplexer Telefonanruf”
[20:53] Simon: eine neue mediale Form
[20:54] Simon: ein soziales netzwerk.
[20:54] Simon: wir sind alle “echt” hier
[20:54] Simon: bis auf das kamel….
Das “echte” Leben schlägt zurück
Simon hat für seinen virtuellen Treffpunkt viel Geld ausgegeben. Das Grundstück, der Club, die DJs und Live-Performer: alles kostet Geld - auch im Second Life. Simon hat sich verschuldet. Seine Pacht wurde nicht verlängert.
Im März 2008 musste der Club daher umziehen: Das “Wheelies” thront jetzt auf einer Wolke im Himmel. Der Himmel gehört Polgara Paine. 
Polgara Paine heißt im “echten” Leben Linda H. Mandlebaum. Sie ist Professorin an der Bowling Green State Universität und bildet Sonderschullehrer in Ohio aus: “Das `Wheelies´ bringt Menschen zusammen, die sich brauchen. Es bietet ein soziales Netzwerk für alle, die einsam sind. Es bringt Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Ich werde nicht zulassen, dass dieser Ort verschwindet.”
Die Party geht weiter
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Es ist spät geworden im “Wheelies”. Polgara Paine kommt zu Simon und Namav auf die Tanzfläche herüber. “Ich kann meine Augen nicht mehr offen halten, ich gehe jetzt schlafen!” Auch Simon ist müde - der Zeitunterschied zum Second Life beträgt acht Stunden. In England ist es fünf Uhr morgens. “Gute Nacht.” Simon und Polgara verschwinden. Doch die Party geht weiter: Namav erklärt gerade einem Gast, warum sein Kamel kein Dromedar ist. Die anderen Leute um sie herum tanzen. Es sind neue Gäste angekommen.
von Tabea Schmitt / veröffentlicht am: 22. May 2008
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