Und raus bist Du!

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Manuela Ritz ist schwarze Deutsche und in Mügeln aufgewachsen. Mügeln ist der Ort, in dem vor einem Jahr acht Inder vor aller Augen durchs Dorf gejagt wurden. Frau Ritz hat viele Erfahrungen mit Ausgrenzung und Rassismus gemacht. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet als Anti-Rassismustrainerin. In ihren Workshops erfahren die Teilnehmer am eigenen Leib, was es bedeutet, ausgegrenzt zu werden. ICH/DU//IHR///.DE fragt nach: Warum gibt es überhaupt Ausgrenzung?
Haben Sie in Mügeln schon einen Anti-Rassismus-Workshop gegeben?
Ja. Ich hatte das schon vor dem Sommernachtsdesaster vorgeschlagen. Aber damals wollte das keiner. Drei Wochen nach der Hetzjagd habe ich einen Workshop an meiner ehemaligen Schule gegeben. Dem Direktor war es wohl wichtig, ein positives Signal zu setzen.
Wie war es für Sie, wieder nach Mügeln zu kommen?
Das war ein ganz komisches Gefühl. Ich bin am Markt ausgestiegen und es war total gespenstisch, weil ich überhaupt nichts gespürt habe. Alles war wie immer. Nur die Pizzeria, in die die Inder geflüchtet waren, hatte eine neue Scheibe und einen neuen Anstrich bekommen. Das war’s. Die Leute haben überhaupt nicht darüber geredet. So geht man also mit der jüngsten Geschichte um. Das könnte überall so sein, aber für mich hat der Ort Mügeln natürlich eine andere emotionale Besetzung. Ich habe eine andere Dimension gesehen, mit wem und bei wem ich da aufgewachsen bin. Das ist erschreckend.
Sie haben 18 Jahre dort gelebt. Wie sehen sie die Zeit heute?
Als Kind kannte ich es ja nicht anders. Die Kinder haben mich gehänselt und “Neger – Feger” gerufen. Irgendwann habe ich zurück gerufen “Weißer Scheißer!”, dann war Ruhe. In meiner Familie wurden diese Erfahrungen aber immer runtergespielt. Es ist sehr schwer, das als Kind einzusortieren, wenn nicht darüber gesprochen wird.
Was ist eigentlich Ausgrenzung?
Ausgrenzung hat für mich mit Normierung zu tun. Das passiert ja nicht nur zwischen Schwarz und Weiß - Ausgrenzung passiert überall. Für mich ist die Voraussetzung immer, dass eine Norm gesetzt wird. Dass z.B. beim Sexismus die Norm ist, dass in den höheren Chefetagen nur Männer sitzen und keine Frauen. In Deutschland ist die Normierung, weiß zu sein. Und eine Norm schafft immer ein Wir-Gefühl.
Heißt in der Gruppe sein automatisch, andere auszugrenzen?
Ich würde gern nein sagen. Aber dieses Nein ist mein Wunsch. Ich weiß nicht, warum Menschen so ticken.
Vielleicht hat es was mit der Selbstdefinition der Gruppe zu tun…
Es hat was mit Erhöhung zu tun. Menschen haben das Bedürfnis, sich wertvoll zu fühlen. Wenn das ein menschliches Grundbedürfnis ist, dann setze ich mich eher ins Verhältnis zu Menschen, die ich nicht so wertvoll finde. Dann kann ich mich besser fühlen. Das beobachte ich.
Der Blue Eyed Workshop
Die Lehrerin Jane Elliot erklärt 1968 ihren Schülerinnen und Schülern, warum Martin Luther King ermordet wurde. Sie teilt die Klasse in Braunäugige und Blauäugige und legt den Grundstein für die Blue Eyed Seminare, wie sie heute auch in Deutschland stattfinden.
Während die Blauäugigen besonders schlecht behandelt werden, bekommen die Braunäugigen Privilegien. Sie werden freundlicher behandelt, sitzen auf besseren Stühlen und werden von der Trainerin als Individuen wahrgenommen. Den Blauäugigen werden negativen Eigenschaften zugewiesen. Sie seien im Gegensatz zu den Braunäugigen faul, dumm und langsam. Im Verlauf des Seminars scheinen diese Zuschreibungen wahr zu werden. Die Teilnehmer erfahren am eigenen Leib, wie Rassismus und Ausgrenzung funktioniert. Im Anschluss an das eintägige Seminar findet eine Auswertung statt.
In Ihren Workshops gibt es auch Gruppen: Die ausgegrenzten Blauäugigen und die privilegierten Braunäugigen. Erhöhen sich die Menschen auch in der Laborsituation?
Ja klar. Das Konzept funktioniert einfach (lacht). Und es funktioniert, weil es auch im richtigen Leben funktioniert. Die Braunäugigen werden als privilegierte Gruppe eingeschworen. Ich fange die Sätze an mit “wie ihr alle wisst” und “das brauche ich Euch ja gar nicht zu erklären”. Die Braunäugigen sind die klugen, die wertvolleren Menschen.
Welche Erfahrung haben Sie als Teilnehmerin eines Blue Eyed Workshops gemacht?
Ich war bei den Braunäugigen, bei den Klugen, Privilegierten. Ich dachte die ganze Zeit, hoffentlich fliege ich nicht auf. Ich war so damit beschäftigt, nicht irgendwas gefragt zu werden, was ich nicht weiß. Das hat mich ziemlich irritiert. Später habe ich verstanden, wie Manipulation funktioniert. Es erzählt dir jemand, was du kannst, wer du bist und du suchst nicht bei dir selbst. Du läufst einfach hinterher. Da habe ich gelernt, welchen Preis man dafür bezahlt, wenn man auf der privilegierten Seite steht. Ich hab` immer gedacht, das sei super bequem. Ich will auch gern weiß und deutsch sein. Aber das Gefühl, toll zu sein, kann auch lähmen. Immerhin tragen die Braunäugigen Verantwortung dafür, dass es den Blauäugigen nicht gut geht. Das ist unbequem.
Versucht die privilegierte Gruppe nicht, den Diskriminierten zu helfen?
Einmal haben die Braunäugigen einen “Aufstand der Anständigen” geplant. Nach der Mittagspause standen die Braunäugigen alle auf nach dem Motto “da machen wir nicht mit!”. Und die Blauäugigen sitzen ja auf kleinen Hockern oder Bierkisten in der Mitte des Raumes. Und plötzlich erheben sich rechts und links die Braunäugigen. In der Auswertung des Seminars kam raus: Für die Leute in der Mitte war das die Oberbedrohung. Und da ist mir nochmal klar geworden, wie Hilfe aussehen muss. Das eigene schlechte Gewissen zu erleichtern reicht nicht. Ich muss mit den Leuten sprechen und nach deren Bedürfnissen fragen.
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Kann so ein Workshop etwas verändern?
Blue Eyed macht die Augen auf. Es berührt einen. Ich halte sehr viel von diesem emotionsnahen Lernen. Besonders bei Jugendlichen kann der Workshop gute Impulse setzen. Einmal gab es an einer Schule zwei Tage nach dem Workshop eine Schlägerei. Die Lehrerin erzählte mir das. Und da sind auf einmal Leute dazwischen gegangen, die gar nicht involviert waren. Im Workshop hatten sie gelernt “hey, ich trage Verantwortung für das, was hier passiert.” Das fand ich sehr beeindruckend.
Wichtig ist, sich selbst in Bezug zu setzen.
Wie geht es Leuten, die täglich mit Diskriminierung konfrontiert sind, in Ihren Workshops?
Die Menschen, die potenziell diskriminiert werden, sind immer bei den Braunäugigen. Einmal rebellierte ein Mann aus der Blauäugigen Gruppe. Er sagte in der Auswertung, er wollte nur seine Würde wahren. Da habe ich mein eigenes Verhalten wieder erkannt. Ich habe verstanden, dass Leute, die unter Druck gesetzt werden auf eine bestimmte Art und Weise reagieren. Es ist irre, wie viel Energie drauf geht für diesen Kampf um die Würde.
Die Zahl der rassistischen Gewalttaten ist in letzter Zeit wieder gestiegen. Auch vierzig Jahre nach Martin Luther Kings Tod scheint kein Ende des Rassismus in Sicht. Frau Ritz, was ist Ihr Traum?
Ich träume von einer Welt ohne Ausgrenzung und Diskriminierung. Aber das ist wahrscheinlich eher eine Utopie.
Vielen Dank.
von Julia Riedhammer / veröffentlicht am: 22. May 2008
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