Erst eigener Kosmos, dann offenes Herz

- Bedenken im Gepäck: Holgers erster Umzug in eine größere Stadt hat ihm kein Glück gebracht.
Holger* legt die Stirn in Falten und fährt sich durch die blonden Haare. Sein Blick schweift ab, sucht in der Bar einen Punkt, der in weiter Ferne liegt. Er ruft sich ein bestimmtes Bild ins Gedächtnis. “Die ersten Monate in Düsseldorf”, sagt er mit seiner vollen, dunklen Stimme, “saß ich oft alleine am Rhein und habe den Schiffen nachgesehen.”
Damals, das war 1995. Es kommt Holger vor wie ein anderes Leben. Kaum mit der Schule fertig, zog der damals 20-Jährige aus seinem 600-Seelen-Heimatdorf ins 600 Kilometer entfernte Düsseldorf, um dort Sozialpädagogik zu studieren.
Ein kleiner Kulturschock. “Auf dem Dorf kannte jeder jeden und jeder wusste Bescheid, was der andere macht.” In Düsseldorf dagegen war er einer unter vielen. Es fiel nicht sonderlich auf, wenn er mal nicht zur Uni ging. Für Holger war es schwer, sich auf die neue Umgebung einzustellen. “Ich war ziemlich schüchtern und konnte mich nicht so recht auf meine Kommilitonen einlassen.” Er vermisste seine alten Freunde, die Beziehungen zu den Leuten, die er kennen lernt, kamen ihm oberflächlich vor. Und dann die Stadt: “Ich fand Düsseldorf eigentlich immer Scheiße”. Holger fühlte sich einsam.
Gemeinsam im eigenen Kosmos
Er ist jetzt ein Stück tiefer in den braunen Cordsessel eingesunken und wirkt nachdenklicher. Seine Worte wählt er mit Bedacht.

“Das Studium fand ich zwar interessant”, sagt er, “aber schon nach einem Jahr hab` ich daran gezweifelt, dass ich später als Sozialpädagoge arbeiten werde.” Nach einem Jahr besserte sich zumindest seine Wohnsituation: “Wir haben in einem tollen Haus gewohnt. Mein Mitbewohner und ich haben uns in unserer WG unseren eigenen Kosmos geschaffen.” Ein eigener Kosmos. Sich auf die Außenwelt einlassen hört sich anders an.
Der Wendepunkt kommt, als Holger 1997 mit zwei Freunden einen alten Bus kauft und damit ein halbes Jahr durch Europa fährt. “Es war eine sehr intensive Erfahrung, aber ich habe auch gemerkt, dass es eben nicht das Wahre ist, nirgendwo zu Hause zu sein.” Holger schneidet sich seine langen Haare ab. Ein symbolischer Akt. Als er wieder zurück nach Düsseldorf kommt, beschließt er, sich mehr auf seine Umwelt einzulassen und im Anschluss an sein Studium Schauspieler zu werden.
Totaler Flash in Berlin
2000, Holger ist 26, wird er in Berlin an einer Schauspielschule genommen. Mit jeder Menge Euphorie im Gepäck zieht er in die Hauptstadt. “Das erste halbe Jahr war für mich der totale Flash.”

Holgers Augen strahlen jetzt. Er nutzt das kulturelle Leben voll aus, das Studium bringt es mit sich, dass er sich weiter öffnet und mit den anderen Studenten in intensiven Kontakt kommt. Die meisten Kommilitonen kommen wie er von außerhalb. Auch sie haben auch noch keinen festen Freundeskreis.
Außerdem wohnen schon zwei seiner Freunde in der Stadt. Über sie lernt Holger schnell andere Leute kennen, das “Knüpfen des Netzes” fällt ihm wesentlich leichter als in Düsseldorf. Und überhaupt: Berlin. “Hier geht es einfach lockerer und freier zu als in Düsseldorf. Hier kann sich jeder ausleben, so wie es ihm passt.”
Entscheidende Jahre weiter
Der Studium, das Umfeld, die Stadt. Aber lag es nicht auch an ihm selbst, dass sein zweiter Umzug so viel positiver verlief als sein erster? “Das stimmt”, sagt Holger. “Ich hatte einfach eine höhere Motivation und war die entscheidenden Jahre weiter.” Was würde er anderen raten, die neu in Berlin sind und sich hier einsam fühlen? Sein Blick schweift kurz in die Ferne, vielleicht liegt er in Gedanken wieder allein am Rhein und sieht den Schiffen nach. “Es hört sich vielleicht trivial an”, sagt er nach einer kurzen Pause. “Aber einfach mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Stadt gehen.”
*Name von der Redaktion geändert
von Robin Avram / veröffentlicht am: 22. May 2008
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