“Eure Handys machen mich fertig!”
Matthias (39) wehrt sich standhaft: “Ich will kein Handy haben! Die Leute machen sich zum Sklaven dieses Geräts und merken gar nicht, wie unentspannt sie werden!” Nancy (27) hat ihres abgeschafft und sagt: “Ich bin froh, den Stress los zu sein”. Vielen Menschen fällt es schwer, vernünftig mit dem Mobiltelefon umzugehen.
In vier von fünf Haushalten gibt es mindestens ein Handy. Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes darf sich ein junger Mensch ohne Handy eine große Ausnahme nennen. Aber es gibt sie noch: Was ist los mit den hartnäckigen Handy-Verweigerern? Sind das schwierige Fälle von Medien-Inkompetenz?
Sie stören sich daran, wie sehr das Mobiltelefon unseren Umgang miteinander verändert hat. “Das Handy hat immer Priorität!”, klagt Matthias. “Für seinen Besitzer ist es wichtiger als der Mensch, dem er gerade gegenüber sitzt. Jederzeit kann es klingeln und vibrieren, und schon wird das ‘reale’ Gespräch unterbrochen. Viele sind so fixiert auf das Ding, dass sie ganz unruhig werden. Ich unterwerfe mich diesem Terror nicht!”
Die Vorteile des Mobiltelefons liegen auf der Hand: Man kann jederzeit und an fast jedem Ort miteinander in Kontakt treten, sich spontan organisieren oder eine liebe SMS verschicken, wenn man an jemanden denkt. “Es macht vieles einfacher!” sagt der Psychologe Horst Petri. “Ich glaube nicht, dass sich diese neuen Kommunikationsformen automatisch negativ auf unsere Beziehungen auswirken.”
Die Studentin Nancy sieht das anders: “Wenn Du es hast, nutzt Du es auch intensiv. Die Leute erwarten, dass Du erreichbar bist, sonst werden sie ungeduldig”. Sie ist überzeugt davon, dass es kaum möglich ist, den negativen Seiten des Handys zu entgehen: “Es bereitet Dir Stress. Diese Erreichbarkeit ist eine Belastung. Du kommst nie ganz zur Ruhe.” Auf diesen Druck hatte die “Aussteigerin” keine Lust mehr. Wer sie wirklich erreichen wolle, schaffe das auch ohne Mobiltelefon.
“Für viele ist das Mobiltelefon zu einer Art Körperteil geworden”, sagt Kommunikationswissenschaftler Höflich. “Das kann man nicht mehr ablegen.” Und auch Psychologe Petri sagt, dass es beim Mobiltelefon die Gefahr einer suchtartigen Abhängigkeit gebe. Einig sind sich die beiden aber auch in der Einschätzung, dass man einen vernünftigen Umgang mit dem Mobiltelefon lernen kann. Das zeige sich schon daran, dass es nicht mehr chic sei, laut in der Öffentlichkeit zu telefonieren. “Das pendelt sich ein”, sagen die Professoren.
Doch das braucht offenbar seine Zeit. Dass sich auch mancher erfahrene Handynutzer mit dem kleinen Gerät schwer tut, veranschaulicht eine SMS-Umfrage von ICH/DU//IHR///.DE: Auf die Frage “Wie hat das Handy Dein Leben verändert?“ antwortet eine 28-jährige: “Eine Verabredung zu treffen ohne ’wir telefonieren dann nochmal’ ist nicht mehr möglich.” Und eine 26-jährige schreibt: Das Leben ist viel durchsichtiger geworden, da man dauernd irgendwem erklärt, wo man gerade ist und was man macht. Nie hat man seine Ruhe. Und wenn, bekommt man später Vorwürfe, dass man ja gar nicht erreichbar gewesen sei.” Die Beziehung zum Handy ist oft eine Hassliebe.
“Übersehen Sie aber nicht, dass diese neue Kommunikation auch Spaß macht! Dramatisch wird´s nur, wenn man den Aus-Knopf nicht mehr erkennt”, bringt Kommunikationswissenschaftler Höflich seine Einschätzung auf den Punkt. Der Professor selbst “vergisst” an fünf Tagen in der Woche sein Mobiltelefon zuhause, wie er sagt. Auch so kann man sich dem Kommunikationsdruck entziehen.
von Jan M. Schäfer / veröffentlicht am: 22. May 2008
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