Macht die Großstadt einsam? Eine Analyse

- Einer, unerkannt unter vielen: Anonymität in der Großstadt.
Berlin, morgens, in der U-Bahn. Hunderte von Menschen drängen sich in den Abteilen. Sie tragen Anzüge, Baggypants, Karohemden oder knappe Kleidchen. Sie fahren zur Arbeit, in die Uni oder einfach nur zum Alexanderplatz. Gemeinsam. Und doch ist jeder für sich. Keiner stört sich, keiner interessiert sich für den Anderen. Das Zusammenleben in Berlin ist vor allem durch eines geprägt: Anonymität.
Was macht den Großstädter zum Großstädter? Der Soziologie-Urvater Georg Simmel gab folgende Antwort: Ein Großstädter bewahre das eigene Dasein, die eigene Selbständigkeit gegen die Übermächte der Gesellschaft. Und das sei auch gut so, fand Simmel. Denn würden die Großstädter nach größerer Gemeinschaft streben, müssten sie sich einander stärker anpassen. Doch dann würde die kulturelle Vielfalt leiden. Und, brisanter: Die gesellschaftlichen Spannungen würden zunehmen.
Paradies für Exoten
Für Menschen, die neu in die Großstadt kommen, kann die Anonymität eine große Befreiung sein. Hier wird niemand schief angeschaut, wenn er aus dem Rahmen fällt. Im Gegenteil: “Es gibt in einer Stadt wie Berlin viel mehr Möglichkeiten, Menschen zu finden, die ähnlich leben und denken wie man selbst - mit denen man durch das riesige kulturelle Angebot auch viel mehr unternehmen kann”, sagt der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann. Er arbeitet am Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung der HU Berlin.

Forschungsergebnisse bestätigen, dass die Menschen in einer Großstadt ihre Möglichkeiten auch nutzen: Großstädter haben im Durchschnitt mehr Bekannte als die Einwohner kleinerer Städte. Sie organisieren sich in unzähligen Bürgerinitiativen und Vereinen. Auch das Internet hat die Kontaktaufnahme vereinfacht. Bei Portalen wie www.new-in-town.de kann sich jeder, der will, mit anderen Neubürgern zum Joggen, Inlineskaten oder Kinoabend verabreden.
Alles kann, nichts muss
Die große Freiheit der Großstadt hat jedoch auch eine Kehrseite. Denn hier kümmert es die Mitmenschen wenig, wenn jemand Startschwierigkeiten hat. Die seitenlangen Ausgehtipps in den Stadtmagazinen können anfangs auch überwältigen. Die vielen schönen, hippen Mit-Menschen die Ansprüche an sich selbst erhöhen. Schüchterne haben es daher hier schwer, mit Anderen in Kontakt zu kommen. Und wer die vielen Möglichkeiten nicht nutzt, fühlt sich noch einsamer, wenn um ihn herum jeden Abend dutzende Partys stattfinden.
Höheres Einsamkeitsrisiko für Benachteiligte
Der Soziologe Häußermann sieht aber noch mehr Faktoren, die beeinflussen, ob sich jemand wohl oder einsam fühlt in der Großstadt: Vor allem seien es Bildungsstand und Beschäftigungsstatus. Wer arbeitslos oder geringer gebildet ist, hat ein höheres Risiko, sich einsam zu fühlen. Berlin mit seiner Arbeitslosenquote von 14 Prozent und seinen Problembezirken macht in diesem Licht betrachtet also doch einsamer als viele Kleinstädte - jedenfalls die Benachteiligen.
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Fazit: Wer sich traut und wer sich das Ausgehen leisten kann, der findet Anschluss. Wer zuhause sitzt, ob aus Schüchternheit oder weil er arbeitslos ist, der bleibt wahrscheinlich einsam. Was kann man also tun, um sich aus der Einsamkeitsfalle zu retten?
Erstmal einen netten Abend
“Um die Möglichkeiten der Großstadt zu nutzen, kann es helfen, die Erwartungen an sich und andere zu reduzieren”, rät die Psychologin Doris Wolf. Denn Einsamkeit sei auch eine Folge von hohen Ansprüchen: Je mehr jemand von neuen Beziehungen erwarte, desto größer erschienen ihm die Diskrepanzen zwischen dem, was er gerne hätte, und dem, was ist. Deshalb sagt Wolf: “Nicht gleich nach einem Freund suchen, sondern nur nach einem netten Abend. Und davon ausgehen, dass es keinen Menschen gibt, der alle Bedürfnisse erfüllen kann. Sondern dafür unterschiedliche Menschen suchen.” Von denen gibt es in der Großstadt ja genug.
von Robin Avram / veröffentlicht am: 22. May 2008
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