Gefangen im Netz – wenn das Internet zur Sucht wird

- Beruf, Spiele, Reiseplanung - das Internet ist überall. Aber was, wenn es zur Sucht wird?
“Exzessives Onlineverhalten erfüllt ähnliche Kriterien wie Alkoholsucht”, erklärt Diplom-Psychologin Sabine Meixner von der Humboldt-Universität Berlin. So wie der Alkoholiker nicht von Wein und Schnaps lassen kann, geht bei Internetsüchtigen nichts ohne das Netz. Sobald kein Computer in der Nähe ist, werden die Betroffenen nervös und gereizt.
Aktuell hat Meixner eine Umfrage unter fünfeinhalbtausend Schülern im Alter von zwölf bis 26 Jahren gemacht. Das Ergebnis: Vier
Prozent der Jugendlichen sind onlinesüchtig oder suchtgefährdet. Das sind rund 442 000.
Gründe für die Sucht
Die Ursachen für die Onlinesucht sind noch nicht genauer untersucht worden. “Die Forschung steckt da noch in den Kinderschuhen”, sagt Diplom-Psychologin Meixner.
Auffallend sei aber, dass die Süchtigen einiges gemeinsam haben: Soziale Angst, Depressivität, geringes Selbstwertgefühl und fehlende soziale Unterstützung. “Das ist aber wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Wir können noch nicht sagen, was zuerst war – die Einsamkeit oder die Sucht.”
Suchtverhalten
“Typisch für das Suchtverhalten ist unter anderem, dass die tägliche Nutzungszeit immer weiter erhöht wird”, sagt Meixner. Die durchschnittliche Nutzungszeit von internetsüchtigen Jugendlichen liegt nach Meixners Studienergebnissen über sechs Stunden am Tag. In Extremfällen können daraus 20 Stunden am Tag werden.
Doch nicht allein die Zeit sei ein Indikator für eine Sucht. Meixner zählt dazu auch negative Folgen im sozialen Bereich, sowie Leistungsabfall in Schule und Job. “Die Menschen verbringen mehr Zeit am Rechner als geplant, andere Interessen, wie Freunde treffen oder Hobbys werden vernachlässigt.”
Verantwortung ins Netz verlagert
Neben Chatten und Surfen sind es vor allem Computerspiele, die faszinieren. “Rollenspiele, in denen die Jugendlichen im Team spielen, haben einen sehr hohen Suchtfaktor”, sagt Diplom-Psychologin Meixner. Schnell fühlt sich der Spieler für seine Mitspieler verantwortlich. “Die wollen die anderen nicht hängen lassen.” Das soziale Verantwortungsgefühl verlagert sich ins Netz. Wenn die Community immer weiter spielt, fällt es schwer den Aus-Knopf zu drücken – man könnte ja was verpassen.
Ringe unter den Augen
“Besonders betroffen sind junge Menschen zwischen 16 und 25Jahren”, weiß Jannis Wlachojiannis, Sozialarbeiter vom Café Beispiellos in Berlin. Zu ihm - in die Caritas-Beratungsstelle - kommen Menschen, die den Weg aus der Sucht suchen. Im vergangenen Jahr waren es etwa hundert.
Beratungsstelle für Onlinesüchtige:
Café Beispiellos
Caritas-Beratungsstelle
Wartenburgstraße 8
10963 Berlin
Telefon: (0 30) 666 33 959
“Viele sind völlig abgemagert, haben Ringe unter den Augen”, erzählt er. Die Hälfe der Hilfesuchenden sind Angehörige. Sie sind verzweifelt und wissen nicht mehr weiter. “Ein Elternpaar erzählte mir, dass sie den Internetanschluss gekappt hatten. Daraufhin zertrümmerte der Süchtige die komplette Einrichtung.” Kommen die Betroffenen von selbst, ist es meist schon zu spät. “Viele sind durch´s Abi gerasselt oder bekommen ihr Studium nicht mehr auf die Reihe. Oft hat auch der Partner Schluss gemacht”, sagt Wlachojiannis.
Auswege
Um diese Abwärtsspirale zu unterbrechen gibt es nur eine Möglichkeit, sagt der Sozialarbeiter:
“Abstinenz ist entscheidend.” Das Problem: Das Internet ist überall – ob bei der Reiseplanung oder im Beruf. “Daher erarbeiten wir mit unseren Patienten einen Zeitplan”, sagt Wlachojiannis. Darauf wird vermerkt, wie viel Zeit die Süchtigen im Netz verbringen.
Anschließend wird die Zeit im Netz immer weiter reduziert. In einem Gesprächskreis treffen sich die Betroffenen einmal wöchentlich, um über ihre Fort- bzw. Rückschritte zu sprechen – angeleitet von einem Sozialarbeiter. Einzige Ausnahme sei die Online-Sexsucht. “Da ist absolute Abstinenz angesagt”, sagt Wlachojiannis. Denn in diesem Fall ist der Leidensdruck viel höher. Die Betroffenen ekeln sich vor sich selbst und oft droht der Partner sie zu verlassen.
von Katrin Hoffmann / veröffentlicht am: 22. May 2008
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