Von Flash-Mobs und Flash-Flops

- Flash-Mobber in Aktion
Wenn ein Flash-Mob funktioniert, sieht das so aus: Hunderte von Leuten treffen sich, alle machen dieselbe Geste, geben Laute von sich, tanzen - und verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Wenn ein Flash-Mob nicht funktioniert, sieht das so aus: Samstagnachmittag, vor dem S-Bahnhof Friedrichstraße ist kaum ein Mensch.
Dabei soll es, geht es nach Unterstützern der Deutschen Umwelthilfe, hier in wenigen Sekunden flash-mobben. Anlass ist das “große Fest der Biodiversität”. Das klingt so abstrakt, dass die gute Idee dahinter kaum klar wird. “Biodiversität bedeutet Artenvielfalt. Immer mehr Pflanzen- und Tierarten sterben aus – dagegen wollen wir was tun”, erklärt eine gefleckte Kuh. Eine Biene daneben nickt fleißig. Die beiden sind Mitorganisatoren des Flash-Mobs “Tierisches Durcheinander”.
Rennen, schleichen, kriechen, hüpfen, fliegen
Um Punkt 12.50 Uhr geht’s los: Alle Flash-Mobber sollen – verkleidet als Tiere – über den Platz “rennen, schleichen, kriechen, hüpfen, fliegen”. “Wir wollten die Veranstaltung ein bisschen aufpeppen”, zwitschert ein Vogel mit blauen und grünen Federn. Er ist der Hauptorganisator. Aber er bleibt mit der Kuh und der Biene allein – auf die Flash-Mobber wartet er vergeblich. “Manche wollen sich eben nicht zum Affen machen”, bedauert er und gibt zu: “Ist wohl eher ein Flash-Flop.”
Schon einige Wochen zuvor war ein Flash-Mob gefloppt – ebenfalls ein politischer.
Auf dem Bebelplatz gegenüber der Humboldt-Uni baute die tibetische Fußballmannschaft in Windeseile zwei Tore auf, spielte drei Minuten und verschwand wieder. Die Botschaft: Sportler, lasst euch keinen Maulkorb verpassen, nehmt auf jeden Fall an den Olympischen Spielen teil. Um das zu übermitteln, hätten sie sich ein großes Flash-Mobber-Publikum gewünscht. Aber keiner kam.
Irritierte Passanten
Ob sich die Flash-Mob-Bewegung überlebt hat? Es gibt Gegenbeispiele. Vor kurzem organisierte der 20-jährige Sidney Thom einen Blitzauflauf bei Mc Donald’s – hunderte Mobber bestellten auf Kommando mehr als 10 000 Burger. “Einen Sinn ergibt das nicht unbedingt”, sagt Thom, “aber das muss es auch gar nicht.” Der Reiz des Flash-Mobs bestehe schlicht darin, bei “etwas Spektakulärem dabei zu sein” und die Augen der irritierten Passanten zu sehen, die plötzlich die Welt nicht mehr verstehen. Anscheinend ist es gerade dieses Dadaistische, Sinnentleerte der Aktionen, was Flash-Mobs attraktiv macht.
Den ersten Flash-Mob gab es am 3. Juni 2003 in New York: In einem Kaufhaus versammelten sich mehr als hundert Mobber und erklärten den Mitarbeitern, sie seien auf der Suche nach einem “Liebes-Teppich” – eine absolut sinnentleerte Aktion. Einige Monate später schwappte die Flash-Mob-Begeisterung nach Europa über, flaute aber bald wieder ab. Die jüngsten Aktionen von Sidney Thom ließen die Bewegung dann wieder aufleben.
Die Artenvielfalts-Mobber auf dem Dorothea-Schlegel-Platz spüren nichts von dieser Renaissance. Kuh und Biene laufen jetzt Richtung S-Bahnhof Friedrichstraße. Die Kuh greift zum Megaphon, macht “Muuuuuuuuuu…”. So will sie anscheinend Passanten überreden, am Flash-Mob teilzunehmen. Doch die reagieren entweder gar nicht oder mit einem mitleidigen Lächeln. “Einen Flash-Mob organisieren wir wohl nicht so bald wieder”, summt die Biene. Und ihre Tierfreunde nicken.
von Anja Herr / veröffentlicht am: 22. May 2008
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