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ICH / DU // IHR /// .DE

Leben im Beziehungsnetz.

Von Schicksalsschlägen, Zwängen und
von denen, die keine Wahl haben

Eine bunte Insel im Wedding

Die letzten warmen Sonnenstrahlen tauchen die Dachterrasse in ein goldenes Licht. Drei Bewohner des Hausprojekts Prinzenallee 58 sitzen in bequemen Liegestühlen am Tisch und lesen. Doch wer seinen Blick von hier oben umherschweifen lässt, bleibt ziemlich schnell an den Wohnblocks der Nachbarschaft hängen. Das Hausprojekt ist ein bunter Fleck zwischen viel Beton.

Eingang zum Hausprojekt Im Hausprojekt wohnen 80 Personen: ehemalige Hausbesetzer, Familien, Studenten, Feministinnen, eine Antifa-Gruppe und Transgender-Aktivisten. Es gibt eine Werkstatt, einen Bioladen und einen Montessori-Schülerladen. “Anders leben” ist das Motiv, das die unterschiedlichen Leute hier im Hausprojekt miteinander verbindet.

“Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen!”

Das Gelände Prinzenallee 58 wurde 1981 besetzt und so vor dem Abriss bewahrt. Es war das 100. besetzte Haus in West-Berlin. 1992 wurde eine Genossenschaft gegründet. Jetzt gehört das Gelände seinen ehemaligen Besetzern.

Die jungen Studenten haben keine Lust auf einen Single-Haushalt in Mitte. Und die Familien sehen sich nicht im trauten Eigenheim mit Hund. Die “alternative Mittelschicht” hat sich im Wedding dauerhaft eingerichtet: Alle Bewohner besitzen Anteile am selbst verwalteten Haus. Die kosten rund dreitausend Euro. Wer auszieht, bekommt sein Geld zurück.

Und die Nachbarn?

Zerstochene Motorradreifen, geklaute Fahrräder, Drogengeschäfte hinter dem Haus. “Um uns herum ist der absolute soziale Brennpunkt”, erzählt Jacqueline. Die Frau mit mittellangen, braunen Haaren wohnt mit ihren zwei Kindern im Hausprojekt. Sie ist im Vorstand der Genossenschaft Prinzenallee 58.

Wohnblock neben dem HausDie meisten Nachbarn kommen aus der Türkei, in letzter Zeit sind viele arabische und afrikanische Familien zugezogen. Das Bildungsgefälle zum Hausprojekt ist groß. “Das sind unsere Feinde!”, sagen drei arabische Teenager im Brustton der Überzeugung. Alle? “Nicht alle, ein paar sind auch ganz nett.” Einige Frauen aus der Nachbarschaft sitzen bei ihren Kindern auf dem Spielplatz.

Die meisten wohnen erst seit einem knappen Jahr im Wedding. “Meine Tochter ist mit Kindern vom Schülerladen befreundet”, erzählt mir eine der Frauen. Sie selbst kennt aber niemanden aus dem Hausprojekt. Ihre Banknachbarin hat ein paar Bewohner beim letzten Hausfest getroffen: “Die waren alle sehr nett”, sagt sie.

Die Jugendlichen aus der Nachbarschaft nutzen das Hausprojekt als Abkürzung zum Spielplatz. In den Innenhöfen können sie machen, was ihre Eltern nicht sehen sollen - zum Beispiel rauchen oder mit der Freundin knutschen. Phasenweise wollen Einzelne aber einfach nur zerstören: “Manchmal gehen die an keinem Rad vorbei, ohne kräftig in die Speichen zu treten”, sagt Jacqueline.

Grenzen austesten?

Innenhof mit FahrrädernRoger wohnt wie Jacqueline schon lange im Hausprojekt. Der Mittvierziger mit kurzen, knallroten Haaren steht in der Werkstatt hinter seiner neuen Hebebühne und schraubt an einem Motorrad herum. Er hat zur Gewalt im Hof eine Theorie aufgestellt: “Wenn Großfamilien zuziehen, müssen sich die neuen Kids in der Gruppe beweisen. Dann werden Grenzen getestet. Es muss etwas Gefährliches sein – zum Beispiel bei uns im Hof etwas kaputt zu machen.”

Was tun?

“Wir sind eine totale Insel. Wir müssen einfach mehr Präsenz zeigen”, meint Jacqueline. Sie möchte, dass alle im Haus besser aufpassen, im Hof genauer hinsehen und Jugendliche direkt ansprechen. “Es ist ja nicht so, dass die Kids nicht schuldbewusst wären”, sagt Roger. “Die wissen genau, wenn sie erwischt worden sind.” Bei ihm gibt es nach einer Vorwarnung sogar Strafen: “Maximal eine Ohrfeige.”

Auftrag für das Hausprojekt?

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Wenn es nach Roger ginge, sollte die Hausgemeinschaft die Jugendlichen aus der Nachbarschaft miterziehen: “Das kann nicht alleine an den Familien hängen bleiben. Kinderziehung sollte eine gesellschaftliche Aufgabe sein.” Seine Vorstellung von Erziehung zeigt auch kurzfristigen “Erfolg”: Nach einer Ohrfeige bleibt es immer eine Weile ruhig im Hof. Jacqueline kann mit dieser Methode nichts anfangen: “Gewalt ist überhaupt nicht in Ordnung. Wenn man die Jugendlichen doof anpömpt, dann kommt es zurück.”


von Tabea Schmitt / veröffentlicht am: 22. May 2008